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Die #Rentabilität der #Faulheit – Joseph Roth

12. Juli 2012

DIE RENTABILITÄT DER FAULHEIT

Weil wir sie nicht achteten, rächt sie sich nun an uns, die Faulheit. Die These: »Der Mensch muß arbeiten« ist eine mitteleuropäische, geradezu preußische Erfindung. Wer wußte bei uns je den Segen der Faulheit zu schätzen? Wir stöhnten unter dem Fluch der Arbeit und nannten sie einen Segen. 

Wir vergaßen, daß Adam erst arbeitete, als er aus dem Paradies der Faulheit vertrieben war. Mit der einem Mitteleuropäer angeborenen Fähigkeit, das Unnatürliche auf dem Umweg über die Logik zur Selbstverständlichkeit zu machen und dem Leider-Notwendigen den Stempel des Gottseidank-Nützlichen aufzudrücken, zerplagten wir die Jahrhunderte unserer Entwicklung. Arbeit! Arbeit!

Europa stinkt nach Benzin zu einem Himmel aus Blaupapier. Milliarden Zahnräder zermalmen das letzte Quentchen Schönheit. Wie unglücklich fühlt man sich am Sonntag! Man wird krank vor Arbeitslosigkeit! Der Sabbath, die einzige armselige Reminiszenz aus dem verlorenen Paradies, wird verschluckt vom Gegähne der Langeweile, die der Mitteleuropäer erdulden muß, wenn er nicht schuftet. Er geht in Urlaub, nicht um zu feiern, zu faulenzen, sondern um »auszuruhen«. Begibt sich in eine Tatenlosigkeit, die eine Tätigkeit zur Voraussetzung hat. Er kennt keine andere. »Der Mensch muß arbeiten.«

Der Südländer, der Orientale, sie können faulenzen. Denn die Faulheit ist ein Talent und erfordert Fertigkeit. Das Faulenzen ist eine Kunst. Der Südländer faulenzt mit Anmut und Grazie. Der Orientale mit Philosophie und Tiefsinn. Die Kunst, auf einer leuchtend-grünen Wiese zu liegen, in Gottes große blaue Augen zu sehen und ganz einfach glücklich zu sein, treffen bei uns nur Landstreicher und Poeten. 

Auch heute noch kann es der Durchschnittseuropäer nicht! Heute, da die Arbeitslosigkeit den Arbeitsmarkt beherrscht und die Faulheit rentabel ist! So rächt sie sich an uns, die Faulheit. Sie wird rentabler als die Arbeit. Arbeit ist Aufwand. Die kleinste Anstrengung kostet mehr, als sie einträgt. Wenn ich über die Straße gehe, sind meine Sohlenatome, die aufden Pflastersteinen liegenbleiben, mehr wert als der Ertrag meines Weges. Wenn ich einen Brief schreibe, kosten Porto, Tinte und Papier mehr, als mir dieser Brief je einbringen könnte. Arbeit ist Aufwand an Material, Geld, Kraft. Es ist eine Verschwendung von lauter Unersetzlichkeiten.

Die Konsequenz dieser Einsicht, die sich – bewußt oder unbewußt – bei allen Zeitgenossen herausgebildet hat, ist der heute sichtbar gewordene Hang zur Faulheit und Arbeitslosigkeit Mitteleuropas. Man versucht überall, die Arbeit auf das geringste Minimum zu reduzieren. Der auf der Börse spielende Gymnasiast, der Unterstützung beziehende Arbeiter, der schiebende Staatsbeamte, der hasardierende Bankkassier sind alle nur Folgeerscheinungen der einfachen Wahrheit, daß die Faulheit – rentabel ist. Man will faulenzen, um leben zu können.

Vom Arbeiten kann man’s ja nicht mehr. Weil aber diese mißratenen Ebenbilder Gottes die Kunst des Faulenzens nicht verstehen, wird ihre Faulheit häßlich. Es ist immer noch etwas aus der großen Sippschaft der Arbeit in dieser Faulenzerei: Betriebsamkeit. Man arbeitet nicht, aber man ruht auch nicht. Man ist »betriebsam«. Man »betätigt sich«.
Es tut sich was.

Nein, man kann nichts verdienen, wenn man arbeitet!
Man muß ins Kaffeehaus gehen, sich an einen Tisch setzen und warten. Der Verdienst kommt an deinen Tisch, fragt höflich: Ist’s gestattet? und setzt sich. In der Luft schwirren Aktien und baumeln mit den Zinsfüßchen just über deiner Nase. Du brauchst nur zu schnurren. Alles hast du im Kaffeehaus, wenn du nur arbeitslos dasitzest: Zucker, Kerzen, Zigaretten, Leder, Provision. Im Büro umzingeln dich Zahlen. Spitze Buchstaben spießen dich auf. Geschäfte macht man, wenn man nicht arbeitet, sondern nur sitzt.

Fast noch mehr Gewinn bringt das Schlafen. Morgenstunde hat so viel Gold im Munde, daß es am einträglichsten ist, sie zu verschlafen. Ein Frühstück, ein zweites Frühstück, zwei Zigarren, zwei Fahrten in der Elektrischen und dem Autobus – – verdient man so viel an einem Vormittag? Es ist besser, man verschläft ihn. Ich verdiene jeden Morgen dreißig Kronen, indem ich schlafe.

Aus der Arbeitslosigkeit wird sich die Schlafseuche entwickeln, wenn alle überzeugt sein werden von dem Gewinn des Schlafens. Allerdings, es leiden viele an Schlaflosigkeit. Desto besser! Man wird ein Konsortium zur Erzeugung und Verbreitung von Morphium bilden. Morphiumaktien werden steigen! Um unermeßlich reich zu werden, braucht man bloß Morphiumaktien zu kaufen und – sich schlafen zu legen. Erst dann wird die Welt vollkommen faul sein …

Joseph Roth (1894-1939) in „Der Neue Tag“, 21. 12. 1919

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