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Gabriel Bach über #Eichmann, den Eichmann-Prozeß, #Holocaust und Trauma und warum Vergangenheit nicht „ruht“ #Shoa

21. Februar 2011

Zwischen dem 11. April und 15. Dezember 1961 fand das als „Eichmann-Prozeß“ bekannte Gerichtsverfahren gegen den ehemaligen Nazi-SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann wegen millionenfachen Mordes vor dem Jerusalemer Bezirksgericht statt. Das Urteil lautete auf Tod durch den Strang. Hannah Arendt, die Eichmann als „größten Verbrecher seiner Zeit“ bezeichnete, prägte mit ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ über den Prozeß den Begriff von der „Banalität des Bösen“, gleichzeitig der Untertitel des Buches.
Auszüge aus einem Interview mit Gabriel Bach, stellvertretender Ankläger im Eichmann-Prozeß 1961, mit dem WDR von Lars Hering, „Vergessen verboten“ 28.09.2010.

WDR.de: Woran denken Sie zuerst, wenn Sie an den Eichmann-Prozess denken?

Bach: Ich denke an einen für mich sehr traumatischen Moment. Eichmann hatte sich ausgedacht, dass ungarische Juden vor ihrem Gang in die Gaskammern an ihre Freunde und Verwandte beruhigende Postkarten schreiben sollten: „Wir sind an einem wunderbaren Ausflugsort an einem Waldsee. Es ist aber nicht mehr viel Platz. Kommt deshalb schnell. Bringt gute Schuhe mit.“ Ein Zeuge hatte eine solche Karte mitgebracht. Er berichtete auch, wie die Selektion in einem KZ abgelaufen war. Seine Frau und seine Tochter wurden nach links direkt in den Tod geschickt. Er wurde nach rechts abkommandiert. Der Zeuge beschrieb, wie das Mädchen in seinem roten Mantel der Mutter nachlief. „Der rote Punkt wurde immer kleiner. So verschwand meine Familie aus meinem Leben“, sagte der Zeuge.

Daraufhin verschlug es mir damals die Stimme. Denn ich hatte meiner damals zweijährigen Tochter kurz zuvor einen roten Mantel gekauft. Ich war geschockt. Der ganze Saal blickte auf mich. Der Zeuge wartete, dass ich ihn weiter befragte. Doch ich konnte erst nach vier Minuten weitersprechen. Und egal ob ich heute im Fußballstadion bin oder irgendwo entlang gehe – wenn ich Kinder in roten Mänteln sehe, kriege ich Herzklopfen.

WDR.de: In Deutschland gibt es Menschen, die fordern, „die Vergangenheit endlich ruhen“ zu lassen. Finden Sie das verständlich?

Bach: Ich weiß, dass es Menschen mit dieser Meinung gibt. Aber das ist nicht die Norm in Deutschland. Das zeigt sich für mich schon daran, dass ich auch nach Jahrzehnten noch so oft eingeladen werde. Ich kann gar nicht jeder Einladung nachkommen.

Die Erinnerung an die Verbrechen der Nazi-Zeit ist wichtig, damit so etwas nicht noch einmal passieren kann. Was damals in den Gaskammern geschah, ist eine Hölle, mit der sich normale Menschen nicht identifizieren können. Eine Betroffenheit für sich abzuleiten, ist kaum möglich. Es ist auch für mich immer noch mysteriös, wie diese Verbrechen passieren konnten. Ein Beispiel: Bevor es Gaskammern gab, gab es Gasautos. Das waren Lkw, bei denen auf der Ladefläche Kammern installiert waren. In die Kammern wurden die Menschen getrieben und dann die Abgase des Lkw hineingeblasen. Ein Ingenieur hatte vorgeschlagen, eine schalldichte Wand zwischen Fahrerkabine und Kammer zu installieren. Seine Begründung: „Aus humanitären Gründen müssen wir unsere SS-Chauffeure davor bewahren, dass sie nicht mit anhören müssen, wie die Schreie von hinten immer leiser werden.“ Es ist für mich bis heute unfassbar, dass ein gebildeter Mensch so gedacht hat. Und dass die Leute auch heute noch wissen, dass Menschen damals so gehandelt haben – daran muss erinnert werden.

Auf schoah.org findet sich ein 6-teiliges Tondokument, ein Mitschnitt einer Veranstaltung mit Gabriel Bach aus Anlaß des 65. Jahrestages der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942, am 18. Januar 2007 im Haus der „Wannsee-Konferenz“, worin Bach ausführlich über den Prozeß berichtet:

  • Teil 1: Begrüßung durch Dr. Norbert Kampe, Leiter der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz, Gabriel Bach zu seiner Flucht aus Deutschland und Holland nach Palästina [Anhören als mp-3] 
  • Teil 2: Details zur Vorbereitung des Prozesses, der Rolle Gabriel Bachs dabei, der Suche nach Zeugen, der sog. Befehlsempfängertheorie, Hannah Arendt in Jerusalem [Anhören als mp-3] 
  • Teil 3: Eichmann als kleiner Befehlsempfänger? Zum Charakter Eichmanns [Anhören als mp-3] 
  • Teil 4: Der ergreifendste Moment in der langen Phase des Verfahrens für Gabriel Bach [Anhören als mp-3] 
  • Teil 5: Lore Kleiber, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, stellt die Frage, ob der Prozess in der Beweisführung schwierig wurde [Anhörenals mp-3]
  • Teil 6: Die Rolle des Publikums während des Prozesses, Zeugenaussagen, abschließen: Fragen aus dem Publikum, Schlusswort von Gabriel Bach zur Situation in Deutschland heute [Anhören als mp-3]
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