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Alexander Kluge: „Man muß gegen Zensurmaßnahme der iran. Regierung demonstrieren… auf Gewalt mit Produktion antworten“

11. Februar 2011

Am heutigen, ersten regulären Tag der Berlinale, zudem der 32. Jahrestag der iranischen Revolution, gibt es einen Aufruf an alle Kultur- und Medienschaffenden zu einem zweistündigen Streik gegen die iranische Zensur. Sollte auch die Berlinale für 2 Stunden unterbrochen werden, um gegen die Inhaftierung des iranischen Jurymitgliedes Jafar Panahi zu demonstrieren?
Alexander Kluge hat der taz (11.02.2011) ein Interview gegegebn und findet, die Verurteilung der beiden iranischen Regisseure sollte auf der Berlinale ein zentrales Thema sein:

Kluge: Dass man die Berlinale zwei Stunden unterbricht und innehält, das ist eine sehr starke Waffe. Das ist selbst ein Film, wenn Sie so wollen. Das wäre selber eine Form der Öffentlichkeit.
taz: Die Berlinale beteiligt sich nicht an dem Streik. […] Sondern hat sich entschieden, zur Eröffnung des Wettbewerbs „Offset“ von Jafar Panahi zu zeigen. Das ganze Festival für zwei Stunden zu unterbrechen kam für den Leiter, Herrn Dieter Kosslick, nicht infrage.

Kluge: Ob ein Festival, mit Steuermitteln bewaffnet, unbedingt eine Demonstration machen muss, indem es zwei Stunden nichts macht, da bin ich mir nicht ganz sicher. Es trifft ja immer eine konkrete Filmvorführung, die dann verschoben oder ganz ausfallen würde. Das ist eine Abwägung. Als private Einzelperson würde ich sagen: Man muss gegen diese Zensurmaßnahme der iranischen Regierung demonstrieren und so etwas in Kauf nehmen. Aber als kollektive Erscheinung, also als Festivalleitung, würde ich vielleicht nach anderen Äußerungsformen suchen. […]
Sie können aber gegen wirkliche Gewalt mit bloß demonstrativen Äußerungen nicht immer wirksam angehen. Jetzt protestieren wir gegen das, was an einer anderen Stelle der Welt gemacht wird – das hat etwas von Gratismut. Ich bin der Meinung, dass man auf Gewalt mit Produktion antwortet. Ich hab jetzt nachdenken können, während ich redete … und finde: Äußerliche Demonstrationen, wie etwa die Unterbrechung der Berlinale, das Aufstellen einer Fahne, 900 Kerzen werden angezündet, sind kein produktiver Akt, sondern ein demonstrativer. Wenn man aber sagen würde, wir Filmemacher legen zusammen und erzählen aus Prostest gemeinsam eine Geschichte Persiens, wir nehmen dieses Land ernst, dann würden wir ausdrücken: Wer solche Verfolgungsmaßnahmen ergreift, nimmt sich selbst nicht ernst. So etwas halte ich für wirksam. Es gibt in Deutschland ja keine richtige Vorstellung von Persien.

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