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Ein Hoch auf „Die freie Wirtschaft“ – Jahresrückblick 1930 oder 2010? oder ein Ausblick?

17. Dezember 2010

Dezember 2010, Weihnachten steht vor der Tür:
Wieder vergeht ein Jahr, und der Herbst war für die Regierenden und Mächtigen gar nicht so heiß, wie angekündigt, sie haben sich gemütlich eingerichtet. Jetzt ist es Winter, Eiseskälte da draußen und auch die soziale Kälte in der Gesellschaft, die Armut nimmt zu.

Es sind nicht die Verursacher der Banken- und Wirtschaftskrise(n) zur Kasse gebeten worden, auch nicht die Profiteure, die wärmen sich an heißen Feuern oder unter Palmen bei Schampus und Kaviar und feiern frohe Tage. Einmal mehr zahlen die Opfer dieser Krise(n) und die, die ‚eh nicht viel haben, zusammen mit Küchenmeister Schmalhans bei Wasser und Brot.

Aber was sollen wir meckern, das ist eben die hochgelobte, „Die freie Wirtschaft“, die schon Kurt Tucholsky alias Theobald Tiger in der Weltbühne Nr. 10 am 04.03.1930 trefflich besang, ein Rückblick auf das Jahr 1930 oder 2010 oder gar ein Ausblick?

Die freie Wirtschaft

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschaftler sein!
Fort die Gruppen – sei unser Panier!
Na, ihr nicht.
Aber wir.

Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr solltet euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn –
wollt ihr wohl auseinandergehn!
Keine Kartelle in unserm Revier!
Ihr nicht.
Aber wir.

Wir bilden bis in die weiteste Ferne
Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
Wir stehen neben den Hochofenflammen
in Interessengemeinschaften fest zusammen.
Wir diktieren die Preise und die Verträge –
kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
Gut organisiert sitzen wir hier …
Ihr nicht.
Aber wir.

Was ihr macht, ist Marxismus.
Nieder damit!
Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.
Niemand stört uns. In guter Ruh
sehn Regierungssozialisten zu.
Wir wollen euch einzeln. An die Gewehre!
Das ist die neuste Wirtschaftslehre.
Die Forderung ist noch nicht verkündet,
die ein deutscher Professor uns nicht begründet.
In Betrieben wirken für unsere Idee
die Offiziere der alten Armee,
die Stahlhelmleute, Hitlergarden …

Ihr, in Kellern und in Mansarden,
merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird?
mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird?
Komme, was da kommen mag.
Es kommt der Tag,
da ruft der Arbeitspionier:
»Ihr nicht.
Aber Wir. Wir. Wir.«

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